

Was ist Hatha Yoga?
Fragst Du Dich auch, was Hatha Yoga eigentlich ist? Es ist ein grosses Rätsel, was genau in unserem Inneren vor sich geht, wenn wir Hatha Yoga praktizieren.
Die meisten Hatha Yogis sind sich recht im Klaren über ihre Übungen, und dennoch glaube ich, viele würden auch einräumen, dass es noch einiges mehr zu fühlen, wissen und verstehen gibt. Das Rätsel offenbart sich mit dem Versuch, unsere Übung zu definieren. Auch wenn eine Definition niemals vollständig sein kann, ist es doch sinnvoll, damit zu beginnen.
Im Hatha Yoga üben wir die sogenannten Asanas. Dieses Wort stammt aus dem Sanskrit, und wie bei vielen Wörtern aus dem Sanskrit ist eine vollkommen zutreffende Übersetzung gar nicht möglich.
Wie die meisten yogischen Konzepte bezieht sich Asana auf eine höchst verfeinerte Erfahrung, die über die rein körperliche Übung hinausgeht.
Die Bedeutung des Asana
Was ist eine Asana? Wörtlich übersetzt bedeutet Asana "Sitz", also eine bestimmte Haltung des Körpers. Die meisten von uns kennen zumindest einige der Stellungen, in die der Yogi seinen Körper bringt. Die einfachste Definition von Asana wäre also: eine bestimmte Körperhaltung, die zu einem bestimmten Zweck eingenommen wird (d.h. nicht nur zur Darstellung). Diese Definition ist schon ein guter Anfang - es gäbe aber noch mehr dazu zu sagen: Erstens, wie denn der Körper positioniert werden muss und zweitens, zu welchem Zweck das geschieht.
Um genauer darauf einzugehen, wie mit dem Körper gearbeitet werden muss, könnten wir sagen, dass wir bei den Asanas auf solche Art mit dem Körper arbeiten und ihn positionieren, dass nicht nur die Hauptmuskelgruppen gedehnt und gestärkt werden, sondern auch die tieferliegenden Muskeln mit Einfluss auf das Skelett, die den gesunden Zustand der Gelenke und der Wirbelsäule erhalten. Die Asanas fördern und unterstützen auch das Funktionieren und die Gesundheit aller lebenswichtigen Organe.
Wie könnte man da ein einziges Wort finden, das all dem gerecht wird? Es gibt einige Vorschläge, doch mit keinem lässt sich zutreffend ausdrücken, wie die Asanas zu unserer gesamtheitlichen Gesundheit beitragen. Ein Wort, das vielfach für Asana gebraucht wird, ist "Haltung". Eine Asana ist eine Haltung, eine Stellung des Körpers und seiner Extremitäten. Ob wir nun stehen, sitzen, uns nach vorne klappen oder nach hinten beugen oder sogar auf dem Kopf stehen - das Wort "Haltung" ist für das alles eine angemessene Bezeichnung. Dennoch bedeutet Haltung eigentlich nur eine vertraute Art des Seins, die durch Gewohnheit und Unbewusstheit gekennzeichnet ist. Wir werden uns unserer Körperhaltung meistens erst bewusst, wenn jemand anders eine Bemerkung darüber macht oder wir uns aus dem Augenwinkel in einem Fenster gespiegelt sehen. Eine Asana ist jedoch alles andere als das. Wir führen Asanas in einer bestimmten Reihenfolge aus, wobei wir unsere volle Aufmerksamkeit darauf richten, was wir tun und wie wir es tun. Gleichzeitig besteht die klare Absicht, Nutzen daraus zu ziehen. "Haltung" beinhaltet im Gegensatz zu Asana nicht die bewusste Absicht, Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern. Das Wort "Pose" ist ebenfalls unzutreffend. Wie bei Haltung suggeriert Pose etwas Statisches und Künstliches. Asanas sind nicht wirklich statisch, auch wenn uns dieser Eindruck vielleicht in Yogabüchern vermittelt wird. Ein Asana beinhaltet einen Atemstrom oder -fluss, einen Kraftaufwand der Muskeln und sogar Bewegung, die allerdings beim Erreichen der "exakten Asana" praktisch zum Stillstand kommt. Eine Asana ist jedoch nicht nur dieser eine Moment, es umfasst den ganzen Prozess, durch den wir zum Ergebnis gelangen.
Eine Asana ist also nicht nur fortwährende Anstrengung und fliessende Bewegung, sondern auch ein Zustand innerer Stille - ein Zustand des "Sitzens", des Gefestigt-Seins und Loslassens in einer stabilen Haltung. Die Anstrengung - das Fliessen im Energiestrom der Pose - wird in Balance gehalten mit einer Ruhe, einer sanften und stillen Offenheit für die Erfahrung innerer Ausdehnung, Freude und Leichtigkeit, die, wenn sie eintritt, als ein Augenblick der Gnade empfunden wird. Dies ist die wesentliche Einsicht in die Asana, und dadurch ist Anusara Yoga gekennzeichnet. Und das bringt uns zum Zweck der Asanas.
Der Zweck der Asanas
Yoga wird normalerweise als eine Disziplin beschrieben, die Körperübungen mit Entspannungstechniken verbindet, so dass eine umfassende Methode entsteht, womit das eigene Wohlbefinden gefördert, der Körper verjüngt und der Geist von Anspannung und Ermüdung befreit wird. Damit wird angedeutet, dass die Asanas des Hatha Yoga weit tiefer in den Körper - und Geist - reichen als die meisten anderen körperlichen Betätigungen. Im Gegensatz zu Yoga betont athletisches Training das Stählen der äusseren Körpermuskeln, wobei der äussere Aufbau oft auf Kosten des inneren gefördert wird, also auf Kosten der inneren Organe und tieferliegenden Muskeln, welche die Struktur des Körpers ausrichten und erhalten. Das wird zum Problem, wenn Menschen, die nur einen einzigen Sport oder ähnliche Sportarten betreiben, chronische Beschwerden entwickeln, die üblicherweise mit Gelenkschädigungen und Haltungsproblemen zu tun haben. Yoga hat die entgegengesetzte Wirkung, weshalb viele Menschen Yoga aufnehmen, um Sport- und Trainingsverletzungen vorzubeugen oder sie auszuheilen.
Genauso wie Hatha Yoga die Aufmerksamkeit für das Innere des Körpers fördert - d.h. sowohl die genaue Ausrichtung der inneren Knochenstruktur als auch die Gesundheit der inneren Organe -, unterstützt es auch die äussere Muskelummantelung. Aus diesem Grund unterscheidet es sich sowohl physisch wie auch philosophisch von anderen körperlichen Betätigungen. Hatha Yoga stützt sich auf einen umfassenderen Begriff von Gesundheit als einfach Fitness und auf ein weiterreichendes Verständnis von Stärke als einfach Körperkraft. Durch Yoga entwickeln wir ein Bewusstsein unseres Körperinneren, und wir werden ermutigt, aus dem Kern unseres Wesens zu agieren, nicht einfach von der Oberfläche aus. Die wesentliche Verheissung ist, dass wir, wenn wir imstande sind, eine Verbindung zu unserem Kern herzustellen und aus diesem heraus zu handeln, eine viel tiefere und anhaltendere Gesundheit erreichen, die emotionales und sogar spirituelles Wohlbefinden beinhaltet.
Gesundheit als Ganzheit...
Asanas bauen die Integrität unseres Wesens auf - sie fördern das Integrieren von Körper, Herz und Geist. Das Wort "Integrität" kommt vom lateinischen integrare und meint erneuern oder wiederherstellen. Der Zweck der Asanas ist die Erneuerung oder Wiederherstellung der ursprünglichen Ganzheit des Körpers. Hatha Yoga wird nun schon 6000 Jahre lang praktiziert, weil das alltägliche Leben unweigerlich Beulen und blaue Flecken mit sich bringt, ganz zu schweigen von Stress und Anspannung. Angesichts der rasanten Beschleunigung des modernen Lebens ist Hatha Yoga heutzutage notwendiger denn je. Aufgrund der vielfältigen Herausforderungen des Lebens ist die Erhaltung unserer Gesundheit - oder Ganzheit oder "Zusammengehörigkeit" - eine immer aktuelle, fortwährende Arbeit. Mit Hilfe der Asanas des Hatha Yoga halten wir mit dem Leben schritt, indem wir die Balance finden zwischen Stärke, Flexibilität und Entspannung - eine Balance zwischen Anstrengung und anmutiger Leichtigkeit und das nicht nur während unserer übungen, sondern auch im täglichen Umgang mit dem Leben.
... und als Einstellung
Die Kunst, mit Hilfe von Yoga ein ausgeglichenes Leben zu führen, hängt letztlich von der Einstellung ab. Ein Grund, weshalb "Haltung" eine gute übersetzung von Asana ist, liegt in der vorrangigen Bedeutung, die dadurch der Einstellung gegeben wird. Unsere Körperhaltung ist die äussere Form einer inneren Einstellung, in Fleisch und Knochen gegossen. Die körperlichen Details unserer Haltung sind zweitrangig gegenüber unserer Einstellung, weil der Körper, auch wenn die Haltung noch so sehr "korrigiert" wird, immer wieder in jene Form zurückfällt, die ihm unsere Laune oder geistige Ausrichtung vorgibt. Dennoch wird unser Körper nicht nur von unserem Geist bestimmt, und unser Geist kann auch nicht allein durch "positives Denken" oder Affirmationen geändert werden (schwierig anzunehmen für diejenigen, die das versucht haben). Beständig an deiner Körperhaltung zu arbeiten kann ein Mittel dazu sein, ganz zart und fein damit zu beginnen, deine Einstellung zu verändern; dein eigenes tiefstes Gefühl für dich und auch deine Ansicht über deine Welt. Heinrich Seuse, ein christlicher Mystiker sagt das so: "Achte auf den äusseren Menschen, auf dass er geeint werde mit dem Inneren."